Unzufriedenheit führt zu Hirnschwund

Trübsinn – und das ist eine wissenschaftliche Erkenntnis – greift in die Anatomie des Gehirns ein und lässt Synapsen und Neuronen verkümmern. Darum fordere ich auf, dass alle beweglich bleiben – vor allem im Alter. Denn lässt man seinen Geist mit der wachsenden Anzahl an Jahren verdorren, sind geistige Grenzen schnell erreicht. Das mündet oft in Intoleranz gegenüber der Umgebung. Das will doch keiner.

Andreas Rentschler, Chef der Volkswagen-Nutzfahrzeugsparte äußerte sich kürzlich in einem Interview, was die größte Herausforderung sei, wenn man eine Firma übernimmt. „Es gibt immer 10 bis 15 Prozent, die Pioniere sind und 10 bis 15 Prozent, die wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Es geht darum, diejenigen zu überzeugen, die in der Mitte sind. So ist es in fast jedem Unternehmen“, sagte Rentschler. Darüber lohnt es sich nachzudenken. Für mich heißt das: 15 Prozent des Personals bremsen Entwicklungen und Fortschritt, weil sie sich in ihrer vermeintlich optimalen Arbeitswelt eingerichtet haben.

Solchen Leuten begegne ich bei Beratung und Vorträgen zum Thema Effizienz im Büro zum Glück nur selten aber doch immer mal wieder. Und ich spüre sofort eine gewisse negative Haltung und schlechte Laune. Warum? Weil ich die Anwesenden auffordere, alles und vor allem sich selbst auf den Prüfstand zu stellen. Das ist nicht bequem. Ich weiß. Aber ich bleibe dabei, in der Hoffnung, dass es ein wenig die Tür zu einer neuen Denke öffnet. Auch, wenn ich weiß, das wollen bestimmte Zuhörer nicht und finden dann alles schrecklich, was ich sage mit dem Urteil: Das ist doch Nonsens. Das kann bei uns nicht funktionieren und so wie es läuft, ist doch alles perfekt!

Doch die vermeintlich komfortable gut funktionierende Arbeitsumgebung existiert lediglich in den Köpfen derjenigen, die glauben: So, wie es ist, ist es gut! Das sind die, die sich gegen jede Neuerung sperren, die glauben, sie brauchen keine neuen Tools, die alten reichen doch. Betriebszugehörigkeit heißt nicht gleichzeitig, alles richtig zu machen.

Das sind die Mitarbeiterinnen, deren Chefs zwar innerlich stöhnen, aber nicht das Herz und manchmal nicht den Mut haben, sie auszutauschen, „weil Frau Weber doch schon so lange bei mir ist“. Das sind auch die, die junge Talente subtil wegbeißen. Kurz: Sie sind der Cerberus der Vorzimmer und glauben, das muss so sein.

Alter an Jahren bedeutet nicht das Recht auf Intoleranz und Stillstand

Das weitet sich meist auch auf das Privatleben aus. Sie sind die Hüterinnen der Kehrwoche, verwechseln gepflegt mit attraktiv und mütterlich mit der Zubereitung des Tees, den der Chef so gerne trinkt (sie kommen nicht mal auf die Idee zu fragen, ob er mal was anderes möchte). Es versteht sich, dass sie häufig allein leben, weil sie ihre Jugend der Firma geopfert haben oder gelangweilt in einer „gemeinsam einsam“ Verbindung seit Ewigkeiten verharren. Das füllt sie aus, sagen sie, wenn man fragt. Einzig das Opern-Abo oder der Bildungsurlaub zwingst sie – nur kurzfristig – ihre vermeintlich bequeme und schöne Welt zu verlassen. Mit so einem Alltag kann man doch nicht zufrieden sein. Das kann doch nicht das sein, das unter „Leben“ zu verstehen.

All denen sei gesagt: Schlechte Stimmung und innere Unzufriedenheit führt zu Hirnschwund. Und dagegen lässt sich was tun. Gehen Sie raus in die Welt, öffnen Sie Augen und Ohren und machen Sie Gehversuche in die Realität.

Der US-Gehirnexperte Fred Gage verordnet Bewegung. Das führt zu Wachstum und Neubildung von Nervenzellen. Und das ist keine Frage des Alters.

„Wir empfehlen deshalb jedem ab dem 50. Lebensjahr, regelmäßig etwas Neues zu lernen“, rät Isabelle Heuser von der Charité in einem Beitrag des „Tagesspiegel: „Aktive, schöpferische Tätigkeit halten das Hirn auf Trab“, sagt auch Neurobiologe Hans-Joachim Pflüger von der Freien Universität Berlin im selben Artikel.

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